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„Der goldene Künstler“

Es gibt wohl kaum einen Künstler, der ihm an Farben, Formen und Kontrasten die Stirn bieten könnte. Der Oktober in Schliersee – er lässt mich jedes Mal aufs Neue in ein melancholisches Gefühl entträumen, im Gedanken an den werbenden Frühling, die Reife des vergangenen Sommers, nun labend in voller Erntekraft am gedeckten Tisch der Natur, den gnadenlos bevorstehenden Winter erahnend, und an die ihm trotzen wollenden Überlebensstrategien der Tiere und Pflanzen.

Die Sonne steht nun immer tiefer, die Tage werden kürzer, die Schatten länger, und das Wetter überrascht nun, gleich einer überwältigenden Theaterkulisse, mit ständig neuen Szenen.
Mal Feuchte und Nebel, schneegepuderte Berggipfel, sich in Seen spiegelnde Windstille, wilde Herbststürme, von klarer bis trüber Luft.

Doch am schönsten sind für mich die wenigen goldenen Sonnentage, erfüllt von diesem wohltuenden und wärmenden Licht, die Musik der raschelnden, farbenprächtigen Laubbäume, erfüllt voller Dankbarkeit für die letzten geschenkten Tage, bevor der eisige Winter die entlaubten  Bäume und Landschaften mit Frost und weißem Wintertuch zur stillen Ruhe bettet.

Seit Jahren versuche ich unermüdlich, dieses Gefühl „Herbst in Schliersee“ in Bildern festzuhalten, doch ich befürchte, es wird mir nie ganz gelingen. Er bleibt der unerreichbare Meister,
„der goldene Künstler“.

In seiner kurzen Zeit geschenkten Seins wünscht sich der Mensch bescheiden hoffend, ihn Jahr um Jahr – wenigstens nur einmal noch ‒ hautnah vor Ort erleben zu dürfen, denn nur so lässt er sich mit allen Sinnen ‒ im Jetzt ‒ befühlen, und nur so trägt er es einem immer wieder aufs Neue direkt ins Herz ‒ „für einen Moment das Glück Schliersee“.

Text+Fotos: 08.10.2016 Helmut Jenne

 

Helmut Jenne Helmut Jenne

Auf seinen Streifzügen durch die Natur ist sein Fotoapparat ein ständiger Begleiter. Helmut Jenne, wohnhaft in Schliersee, ist Musiker und EDV-Fachmann, Fotokünstler und Naturliebhaber. Mit seinen Fotos dokumentiert er seine Erlebnisse auf sehr natur- und heimatverbundene Weise, und so entstehen - trotzdem weltoffen - tief empfundene Momente und Blicke auf Landschaften, Pflanzen und Tiere der Berg- und Seenwelt rund um Schliersee.

Herbstspaziergang zur Burgruine Hohenwaldeck

Es ist ein warmer Spätsommertag. Ein laues Lüftchen streicht über den Schliersee, und die Morgensonne steht schon tief. Ein idealer Tag also, um einem geschichtsträchtigen Platzerl hoch über dem Schliersee einen Besuch abzustatten: der Burgruine Hohenwaldeck.

Ihre letzten Mauerreste thronen 209 Meter über dem Seespiegel auf einem Felsen. Der Weg hinauf ist kurz, aber steil. Anfangs führt der Pfad über einen Wiesenhang, auf dem in der schönen Jahreszeit Kühe weiden. Nach einem misstrauischen Blick auf die grasende Herde, unter der ich auch ein paar Jungstiere erkennen kann, beschleunigen sich meine Schritte, und ich überquere die Wiese rasch. Erleichtert lasse ich die freie Fläche hinter mir und tauche in die Kühle des Bergwaldes ein. Hier wird der Weg merklich steiler. Zur besseren Begehbarkeit wurden in den Untergrund hie und da Holzbalken verankert, sodass eine Art Treppe entstanden ist. Immer wieder mache ich kurz Halt, um die Informationen auf den zahlreichen Hinweistafeln zu studieren, die entlang des Weges aufgestellt wurden.

Hier finden sich interessante Fakten zu den heimischen Bergbäumen, wie beispielsweise die Vogelkirsche oder die Weißtanne. Ein paar Meter weiter stehen auch schon die ersten Schilder, die Details aus der Geschichte der Burgruine verraten.

Eine eigenartige Atmosphäre herrscht in dem Hochwald, der trotz der frühen Stunde und des schönen Sommertages düster wirkt. Es scheint, als ob mit dem Betreten des Weges zur Ruine auch die Epoche gewechselt hätte. Bilder von Edelmännern und Burgfräulein kommen mir in den Sinn, und einen kurzen Augenblick lang spüre ich die hoffnungsvolle Erwartung, statt verfallene Mauern der einstigen Festung eine prachtvolle Ritterburg auf dem Gipfel vorzufinden. Meine Vorfreude wird jedoch durch den Anblick der moosbewachsenen Felsbrocken, die sich plötzlich seitlich des Weges auftürmen, jäh zerstört.

Sie sind die letzten Zeugnisse eines verheerenden Felssturzes, der Ende des 15. Jahrhunderts große Teile der Burg zerstört und sie damit endgültig unbewohnbar gemacht hat. Angesichts der unglaublichen Kräfte, die hier gewirkt haben müssen, schaudere ich kurz und setze meinen Weg zügig fort. Nach circa einer dreiviertel Stunde bin ich am Ziel. Von der einstigen stattlichen Burg, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach den Besitzer wechselte, sind lediglich Teile der Umfassungsmauer und Reste des Turms übriggeblieben.

Eine schmale Holzbrücke führt an der Südmauer entlang in das ehemalige Innere der Burg. Die Natur hat sich freilich schon längst ihr Terrain zurückerobert, doch an manchen Stellen sind die Mauern erstaunlich gut erhalten.

Die Belohnung für den Aufstieg wartet auf einem Felsvorsprung: Unter dem mächtigen Gipfelkreuz laden zwei Bänke zum Verweilen ein und bieten einen grandiosen Ausblick auf den Schliersee, die Berge und das Umland. An klaren Tagen kann man weit ins Land hineinblicken und in der Ferne den einen oder anderen Kirchturm benachbarter Gemeinden erspähen. Die Ruine Hohenwaldeck lockt aufgrund ihrer wildromantischen Lage auch viele Verliebte auf den Berg. Unzählige Herzen, Liebesschwüre und Initialen sind in den Stamm der sogenannten Liebesbuche – eine Buche, die von einem dicht daneben stehenden kleineren Baum eng umschlungen wird –  für die Ewigkeit eingeritzt. Der prächtige Baum scheint es nicht übel zu nehmen.

Die Geschichte der Burgruine Hohenwaldeck ist wechselvoll: Über ihre Entstehung sind sich die Geschichtsschreiber uneins. Große Buckelquader an den Kanten des verfallenen Turms deuten auf eine Errichtung gegen Ende des 13. Jahrhunderts hin. Eine der Hinweistafeln berichtet gar von römischen Ursprüngen. Doch diese These ist in Historikerkreisen mittlerweile umstritten. Sicher ist jedenfalls, dass sich die Burg zur damaligen Zeit im Besitz der Grafen zu Waldeck befand. Sie fungierten als Vögte des Chorherrenstiftes Schliersee und residierten über 200 Jahre lang im Miesbacher Land.

Der letzte ritterliche Bewohner der Burg war wohl Georg von Waldeck. Nach seinem Tod 1380 blieb die Burg unbewohnt. 1516 erwarb Wolfgang von Maxlrain die Besitzrechte. Die Maxlrainer galten damals als eines der reichsten Adelshäuser Oberbayerns. Nachdem auch dieses Geschlecht ausstarb, wurde die Herrschaft über die Burg 1734 dem Kurfürstentum Bayern übergeben.

Für eine Wanderung zur Burgruine Hohenwaldeck sollte man eine gute Kondition haben. Außerdem ist festes Schuhwerk zu empfehlen, da der Weg an manchen Stellen ausgewaschen und rutschig ist.

Ausgangspunkt: Hinter der Gaststätte „Schnapperwirt“ in Fischhausen am südlichen Ende des Schliersees zweigt ein Weg nach links ab. Der Weg zur Burgruine ist ab dort ausgeschildert. Parkmöglichkeiten gibt es auf einer Wiese neben der B 307.

 

Katharina Fitz Katharina Fitz

Wohnhaft in Warngau, geboren in Tegernsee, aber dem Schliersee herzlich zugetan. Zweifache Mama und als freiberufliche Redakteurin, Sprecherin und Schauspielerin viel unterwegs. Steckenpferde: Kunst und Kultur, Natur (vor allem Bäume) und Schuhe!