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Tradition & Spielfreude ‒ hinter den Kulissen des Schlierseer Bauerntheaters

Das Schlierseer Bauerntheater ist eine Institution: Gegründet 1892 vom legendären Hofschauspieler Konrad Dreher und dem Gastronomen Xaver Terofal, ist es bis heute nicht wegzudenken aus dem kulturellen Leben der Gemeinde. Schon oft haben wir über die Premieren des Ensembles berichtet. Aber wie geht’s eigentlich hinter den Kulissen des Bauerntheaters zu? Was muss alles dekoriert, angezogen, geschminkt und geprobt werden, bevor der Vorhang sich öffnet und die Vorstellung beginnt? Das Schliersee Magazin hat nachgeforscht …

 

 

Ein Abend im September. Kurz nach 18:00 Uhr. Noch zwei Stunden bis zur Vorstellung. Die Komödie „Bluatwürst & Sauschwanzl“ wird heute zum letzten Mal auf den Brettern der Schlierseer Bauerntheaterbühne zu sehen sein. Durch den Seiteneingang gelangen wir hinter die Bühne. Noch ist dort alles ruhig. Nur einer ist schon in Aktion: Georg Attlfellner, genannt „Schorsch“, lässt Theaterblut in einen Emaille-Eimer laufen. In „Bluatwürst & Sauschwanzl“ wird schließlich „schwarz“ geschlachtet. In der Ecke lehnen schon die „Schweinehälften“ – mit bedrucktem Stoff bezogene Kissen.

 

Die Requisite ‒ von eBay auf die Theaterbretter

Mit 92 Jahren ist Georg Attlfellner nicht nur der älteste Schauspieler des Ensembles, sondern auch „unser einziger Profi“, sagt schmunzelnd Florian Reinthaler, erster Vorstand des Schlierseer Bauerntheater e. V. Tatsächlich spielte Georg Attlfellner schon als 15-Jähriger im Ensemble des Schlierseer Bauerntheaters. In den 1950er-Jahren machte er dann Filmkarriere als Ausstatter, Requisiteur und Darsteller – unter anderem bei „Old Shatterhand“ und „Lausbubengeschichten“. Heute verantwortet Georg Attlfellner Requisite und Bühnenbild – und steht auch weiterhin als Schauspieler auf der Bühne. „Da kann es schon mal sein, dass der Schorsch bei eBay mitsteigert, damit wir das passende Accessoire für unser Stück bekommen“, erzählt Schauspielkollege Andi Greipl mit ehrlicher Bewunderung.

 

Das Bühnenbild: erst mini, dann oho!

Die Liebe zum Detail zeigt sich auch in den Bühnenminiaturen von Georg Attlfellner. Für jedes neue Stück baut er das Bühnenbild zunächst „in Klein“ in Sperrholz nach, bespricht mit dem jeweiligen Regisseur, was wohin kommt, schiebt von Hand bemalte Platten so lange hin und her, bis Spielleiter und Darsteller mit der Kulisse zufrieden sind: „So wie’s halt jeder Architekt auch macht“, sagt Georg Attlfellner bescheiden.

 

Die Stücke: von komisch bis tragend

Aber was kommt eigentlich auf den Spielplan – woher wissen die Schlierseer, was ihr Publikum sehen mag? „Das ist meistens eine Gemeinschaftsarbeit, auch ganz viel Rumfahren und inspirieren Iassen“, sagt Vorstand Florian Reinthaler. „Unsere Regisseure versuchen immer, unterschiedliche Genres zu besetzen, von der leichten Komödie bis hin zu einem tragenden oder auch zeitgenössischen Stück, sodass wir einen bunten Mix übers Jahr verteilt haben.“

 

Tatsächlich wurde den Schlierseern schon ein eigenes Stück auf den Leib geschneidert: die Geschichte des Wildschütz Jennerwein (gespielt von Hartl Rieder) in der Fassung von Schriftsteller Werner Schlierf. „In der Regel inszenieren wir zwei neue Stücke pro Jahr und haben zwei Wiederaufnahmen auf dem Spielplan“, erzählt Ensemblemitglied Andi Greipl.

 

Die Besetzung: Jeder ist Theater-narrisch!  

Ist das Stück erst einmal gefunden, geht es an die Rollenbesetzung. Ein heikles Thema? – „In der Regel haben die Regisseure schon eine Idee, wer für welche Rolle am besten passt. Die sprechen dann mit den Spielern und klären: Hast du Zeit und Lust? Das klappt gut, weil jeder Theater-narrisch ist und sich freut, wenn er spielen darf.“

 

Keine Selbstverständlichkeit, denn das Engagement im Schlierseer Bauerntheater kostet viel Zeit: „In der heißen Phase vor unseren Premieren proben wir zwei- bis dreimal pro Woche – je nachdem, wie groß die jeweilige Rolle ist“, verrät Andi Greipl. „Unsere neuen Stücke feiern immer zu Ostern und zu Pfingsten Premiere. Da hat man dann erst mal die heiße Phase im Theater, bis man Ostereier suchen darf.“

 

Der Nachwuchs: Neue Gesichter willkommen!

Übrigens: Wer Interesse und Leidenschaft fürs Bauerntheater besitzt, ist herzlich willkommen, sich beim Schlierseer Ensemble vorzustellen: „Gerade um den Jahreswechsel herum, wenn wir das neue Theaterjahr planen, können Interessierte gerne bei uns vorbeischauen“, so Florian Reinthaler. „Dann lernt man sich gegenseitig kennen und schaut, ob das passen könnte.“

 

Eine, für die es von Anfang an wunderbar „gepasst“ hat – und die für jede einzelne Probe, jede Aufführung aus München an den Schliersee pendelt ‒, ist Sabine Mlynek: „Ich bin mal für eine Theaterkollegin in Schliersee eingesprungen. Und dann gleich hängen geblieben, weil ich es total schön gefunden habe“, erzählt sie. „Es gibt zwar viele bayerische Theater, aber ich finde das Schlierseer Bauerntheater am schönsten. Allein der wunderschöne Theatersaal mit den Hirschen und dem Efeu am Balkon. Und: Das spielerische Niveau ist sehr hoch.“

 

Der Notfallplan: Krank sein gibt’s nicht!

Die Besetzung steht, die Gäste kommen – was passiert, wenn kurzfristig ein Ensemblemitglied krank wird? „Das kommt Gott sei Dank ganz selten vor“, sagt Florian Reinthaler – und fügt augenzwinkernd hinzu: „Wir haben sehr gute Ärzte in Schliersee, die unsere Spieler noch mal aufpäppeln. Und wenn es gar nicht anders geht, dann springt kurzfristig jemand ein. Oder wir müssen ein Stück tauschen.“ Sabine Mlynek ergänzt: „Jeder hat schon einmal eine kleine Krankheit gehabt. Oder eine große. Aber das Adrenalin, das regelt es dann davor. Krank sein gibt’s nicht.“

 

Die Musik: Kompositionen von Kurkapellmeister Hermann Reil

So einzigartig wie das Schauspielensemble ist auch die traditionell bayerische Musik des Schlierseer Bauerntheaters: „Das Musiziergut gehört uns ganz alleine“, erzählt Heiner Oberhorner, zweiter Vorstand des Schlierseer Bauerntheaters und Mitglied der Schlierachtaler Musikanten. „Ob Landler, Polka oder Märsche – alle unsere Stücke stammen aus der Feder von Hermann Reil, dem früheren Leiter der Schlierseer Kurkapelle. Er hat die Musik speziell für unsere Besetzung komponiert und arrangiert: für Akkordeon, Gitarre, Trompete, Tuba und zwei Klarinetten. So spielen wir nun schon seit fast 40 Jahren.“

 

Der Dialekt: Sprechen Sie Bairisch?

Die Klänge der Musik sind universell verständlich. Aber wie verhält es sich mit der Sprache – schließlich werden alle Stücke in Bairisch aufgeführt? „Eigentlich versteht das jeder“, sagt Sabine Mlynek. „Selbst mein Schwager aus England hat das wunderbar verstanden. Die Handlung an sich ist ja nachvollziehbar. Wir hatten sogar schon Gäste aus Indien im Publikum, die uns nach der Vorstellung sagten: ‚It was good!‘“ Kollege Andi Greipl ergänzt: „Die Leute kommen ja mit der Erwartungshaltung: ‚Ich schaue mir ein bayerisches Bauerntheater an‘. Da wäre es ja verkehrt, wenn die ein rein hochdeutsches Theaterstück zu hören bekämen.“ Und Florian Reinthaler scherzt: „Das wäre ja so, als ob das Ohnsorg-Theater plötzlich Bairisch sprechen würde. Das passt auch nicht zusammen.“

 

Die Garderobe: Historische Trachtengewänder in neuem Glanz

Bayerische Tradition und Lebensart sind auch in den Gewändern der Schauspieler sichtbar. In den Garderoben und Hinterzimmern des Theaters stehen Schränken voller traditioneller Trachtenkostüme, Hüte, Schuhe und Requisiten. „Hier ist zum Beispiel das Kostüm, das ich in ‚Die Probenacht‘ trage“, sagt Sabine Mlynek und zieht einen handgenähten, grünen Trachtenrock mit Janker von der Kleiderstange: „Das ist gut 100 Jahre alt – und hat schon einiges gesehen. So ein Gewand zieht man wirklich mit Achtung an.“ Der Kostümfundus des Theaters ist über die Jahre gewachsen. Immer wieder öffnen auch Privatleute ihre Kleiderschränke und spenden Trachtengewänder für die Inszenierungen des Ensembles.

 

Die Beleuchtung: modernste Technik mit LEDs

Dass Gewänder und Schauspieler auch ins richtige Licht gesetzt werden, dafür sorgen die Techniker Dieter Gawer und Gerhard Knabel. Von ihrem Platz auf der Galerie aus haben sie den kompletten Saal im Blick, hellen auf, dunkeln ab, blitzen oder tauchen auch mal die ganze Bühne in blaues Licht, wie in der Inszenierung „Die Geierwally“. „Unsere Lichteffekte sollen die Dramaturgie unterstützen und unterstreichen“, sagt Dieter Gawer.

 

Vor drei Jahren wurde die Technik im Bauertheater vollständig erneuert, seitdem besteht die Saalbeleuchtung aus dimmbaren LEDs. Es verbinden sich so traditionelles Kulturgut und modernste Technik. „Im Prinzip habe ich den kompletten Ablauf des Stücks schon am Computer vorprogrammiert“, sagt der Mann hinter den Mischpulten und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber natürlich muss ich während der Vorstellung immer wieder händisch eingreifen. Manchmal geht etwas langsamer als gedacht – oder ein Schauspieler lässt versehentlich eine Textpassage aus.“

 

Pannen? Die gäbe es nicht, entgegnet das Ensemble: „Bei uns geht nie was schief“, sagt Gitti Engelhard mit einem Augenzwinkern. „Es geht immer weiter. Das ist Theater!“

 

 

Schlierseer Bauerntheater
Xaver-Terofal-Platz 1
83727 Schliersee

 

Web: www.schlierseer-bauerntheater.de
E-Mail: info@schlierseer-bauerntheater.de
Instagram: https://www.instagram.com/schlierseerbauerntheater/
Facebook: https://www.facebook.com/bauerntheater.schliersee

 

Exponat im Museum der Bayerischen Geschichte, Regensburg

Seit dem Sommer hat das Schlierseer Bauerntheater ein eigenes Exponat im neu eröffneten Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Dort steht eine original Baumkulisse, die schon 1895/96 auf der Amerika-Tournee des Ensembles im Einsatz war – damals noch unter dem legendären Gründer und Theatermacher Konrad Dreher.

 

https://www.schlierseer-bauerntheater.de/museum-der-bayerischen-geschichte

https://www.museum.bayern/museum.html

 

 

Sandra Leu Sandra Leu

Rheinländerin in Oberbayern. Ist der Liebe gefolgt und hat den Schliersee als Herzensort entdeckt. Freie Redakteurin, PR-Frau und Mama von Zweien. Berät beruflich Heldinnen und bloggt unter countrykruemel.de über Familienleben und Freizeittipps am See.

 

 

 

Zieeeeeeeh – die Schlierseer Skiadler und ihre Schanzen

Wirft man einen Blick auf die Karte von Schliersee, auf der ich alle Standorte der noch bekannten Schanzen im Ort markiert habe, lässt sich bereits erahnen, welchen Stellenwert das Skispringen einst in der Marktgemeinde besaß. Mindestens neun Schanzen gab es in Schliersee, Neuhaus und am Spitzingsee. Ich treffe mich mit Georg Attlfellner, dem ehemaligen Vorstand und jetzigem Ehrenvorsitzenden des SC Schliersee, Jürgen Koschyk, dem langjährigen Vorstand der Skizunft Neuhaus, sowie den größten Skisprungtalenten des Ortes, Horst Möhwald, Kurt Jiptner und Peter Dubb, und lasse mich durch deren Erzählungen in die Welt des Schlierseer Skisprungzirkus der 1920er- bis 1970er-Jahre entführen.

Georg Attlfellner blättert in seinem dicken Fotoalbum voller bereits vergilbter Fotos und Zeitungsausschnitte und erzählt mir, dass die vermutlich erste Schanze der Gemeinde um 1920 in Fischhausen gebaut wurde. Die Gulbranson-Schanze, benannt nach ihrem Erbauer Olaf Gulbranson, ließ Sprungweiten von über 20 Metern zu und war im Februar 1924 Austragungsort eines Schauspringens zur Finanzierung einer in Schliersee geplanten Schanze. Ein Zeitungsartikel vom 25. Februar 1924 berichtet ausführlich und voll des Lobes über die Veranstaltung.

Und so konnte kurz darauf mit dem Bau der neuen Schanze am Leitnerhügel in Schliersee begonnen werden, eine der „schönsten und größten von Deutschland“, wie in einem weiteren Zeitungsartikel beschrieben wird. Der Norweger Jens Jäger, der 1922 für den SC Schliersee Bayerischer Meister in der Nordischen Kombination wurde, plante und baute die Schanze nach dem Vorbild am norwegischen Solberg bei Bärum. Am 22. Februar 1925 eröffnete der Namensgeber der Jens-Jäger-Schanze das internationale Springen mit 50 Teilnehmern vor einer beeindruckenden Zuschauerkulisse.

Bis etwa Mitte der 1960er-Jahre wurden auf dieser Schanze, die Sprünge von über 50 Metern ermöglichte, zahlreiche Springen abgehalten. Besonders beliebt waren die Nachtspringen, die ab den 1950er-Jahren durch die Installation der wahrscheinlich ersten Beleuchtungsanlage an einer Sprungschanze im Landkreis ermöglicht wurden. Der Skiclub Schliersee war seinerzeit mit etwa zehn aktiven Springern gut aufgestellt und konnte 1949 mit dem Sieg von Peter Kogler bei der Jugendmeisterschaft im Sprunglauf einen weiteren beachtlichen Erfolg verbuchen. Neben diesen beiden großen Schanzen gab es noch mehrere kleine aus Schnee aufgeschüttete Schanzen, die vor allem zum Training genutzt wurden.

Um 1948 wurde im Josefstal die Toni-Huber-Schanze errichtet. Namensgeber war der Gründer der Skizunft Neuhaus, Toni Huber, wegen seiner schmalen Statur auch „Haxn-Toni“ genannt, wie mir Horst Möhwald mit einem Augenzwinkern erklärt. Gespannt lausche ich den Erzählungen des Mannes, der über Jahre einer der besten Nordischen Kombinierer Deutschlands war. Seine Karriere krönte er mit der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck, wo er einen beachtlichen 17. Platz errang. Mehrere Jahre leitete er am Spitzingsee das Spitzinghaus, ein Erholungsheim der Bundeswehr, und baute sich nur wenige Meter entfernt eine spektakuläre private Trainingsschanze. Mit bis zu 30 Meter weiten Sätzen sprang Horst Möhwald über die an der Schanze vorbeiführende Straße.

Am Spitzingsee gab es außerdem noch mindestens zwei weitere Schanzen. Die Valepper Schanze, etwas südlich der Albert-Link-Hütte, mit einem Kalkulationspunkt von 25 Metern, sowie die Totenschanze, eine am Kurvenlift steil im Hang gelegene Schanze, die auch von alpinen Rennläufern zum Sprungtraining genutzt wurde und laut Horst Möhwald bis etwa 50 Meter gut zu springen war. Ob die Schanze ihren Namen tatsächlich wegen eines tödlichen Unfalls erhalten hat, bleibt letztlich ungeklärt.

Auch im Josefstal sind weitere drei Schanzen bekannt: die Acherschanze, eine reine Schneeschanze, die jedes Jahr aufs Neue etwa 150 Meter südlich der Toni-Huber-Schanze gebaut wurde und der Skizunft Neuhaus als Austragungsstätte der Vereinsmeisterschaften und zum Warmspringen für die große Schanze diente. Der weiteste gemessene Sprung lag bei 17,5 Metern. Im Wald an der Aurachstraße stand die Zackeschanze, die ebenfalls für die Clubmeisterschaften der Skizunft genutzt wurde und Sprungweiten über 20 Meter ermöglichte, wohingegen die Schrön-Schanze, eine Schneeschanze am Kameterbichl mit Sprungweiten um die 25 Meter, rein zu Trainingszwecken errichtet wurde.

Anfang der 1960er-Jahre wurde dann der Schanzenturm der Toni-Huber-Schanze kurz hintereinander zweimal umgebaut und vergrößert. Unter der Federführung von Horst Möhwald, Kurt Jiptner, Rudi Wolf und Rainer Schrön entstand um 1962 die endgültige Konstruktion mit einer Schanzenturmhöhe von rund elf Metern, wie Jürgen Koschyk und Kurt Jiptner, 1965 bayerischer Juniorenmeister und Drittplatzierter bei den Deutschen Meisterschaften in der Nordischen Kombination, zu berichten wissen.

Eine Gruppe von etwa zwölf Skizunftlern schleppte an zwei bis drei aufeinanderfolgenden Wochenenden ausrangierte Telefon- und Strommasten, unzählige Bretter und Werkzeuge zu Fuß über einen Waldweg bis zur Schanze und errichtete den Sprungturm mit reiner Muskelkraft. Besonders die große Erfahrung und das Fachwissen von Horst Möhwald als Skispringer und Zimmermann trugen zum Gelingen des Vorhabens bei. Er war auch der Erste, der vom Bakken musste, um die neue Anlage zu testen.

Aber nicht nur der Bau einer solchen Anlage, auch die Vorbereitungen und das Springen selbst waren damals mitunter eine recht schweißtreibende Angelegenheit. Die Präparation der Schanzen war aufwendig und reine Hand- oder vielmehr Fußarbeit. Der Schnee im Auslauf musste mit Skiern festgetreten werden, und je nach Wetterlage war es manchmal nötig, Schnee in Flechtkörben zusammenzutragen, um für eine ausreichende Unterlage zu sorgen. Die Springer gelangten mitsamt den weit über zwei Meter langen Sprungski per pedes auf den Sprunghügel und mussten anschließend noch den Sprungturm über Holzleitern erklimmen. Außerdem gab es noch keine Anlaufschienen, wodurch der Anlauf für die Springer schwieriger war als heute, weil sie die langen Ski aus eigener Kraft parallel halten mussten, erklärt mir Peter Dubb, der im Laufe seiner Karriere zweifacher Bayerischer Jugendmeister, 1973 Deutscher Vizemeister auf der Normalschanze, 1974 Deutscher Meister auf der Normalschanze und Dritter auf der Großschanze wurde. Außerdem nahm er, ebenfalls 1974, an der Weltmeisterschaft teil ‒ sowie insgesamt fünfmal an der legendären Vierschanzentournee.

Die Ski waren noch aus Holz gefertigt, was zur Folge hatte, dass sich das Material vor allem bei feuchten Schneebedingungen schnell vollsaugte und sich die Gleiteigenschaften drastisch verschlechterten. So wurden teils recht kreative Skibeläge ausprobiert, angefangen von Kerzenwachs über geschmolzene Schellackplatten bis hin zu Karbolineum, wie mir Jürgen Koschyk, Kurt Jiptner und Horst Möhwald mit einem Schmunzeln berichten.

Bis 1977 war die Toni-Huber-Schanze Austragungsort zahlreicher Bewerbe, unter anderem Pokalspringen, Gau-Oberland-Meisterschaften und Nachtspringen. Letztere waren Dank der ca. 1964 nachgerüsteten Beleuchtung möglich geworden und lockten oftmals mehrere Hundert Zuschauer an die Schanze. Mit mehr als 15 aktiven Springern war die Skizunft Neuhaus zahlenmäßig stark aufgestellt. Peter Dubb, der erfolgreichste unter ihnen, hält mit 48,5 Metern den offiziellen Schanzenrekord auf der Toni-Huber-Schanze. Allerdings könne er sich an Trainingssprünge erinnern, die deutlich über die 50-Meter-Marke hinausgingen.

Bis in die 1970er-Jahre war das Skispringen ein Volkssport, fast in jedem Ort wurden kleinere und größere Schanzen gebaut. Jeder, der genug Mumm hatte, stürzte sich hinunter. Heute sind die Schanzen zum Großteil abgebaut, die Überreste verfallen und wachsen zu. Die Gründe dafür sind wohl hauptsächlich das schwindende Interesse bei der Jugend und fehlende „Kümmerer“, wie sie Dubb nennt, die für die zeitaufwendige Präparation und die Instandhaltung der Anlagen sorgen. Umso wichtiger ist es deshalb, diese Glanzzeit des nordischen Skisports in Schliersee zumindest mithilfe der Zeitungsberichte, Fotos und Erinnerungen lebendig zu halten.

 

Kathrin Zott Kathrin Zott

Aufgewachsen und noch immer wohnhaft in Neuhaus am Schliersee, zweifache Mama, studierte Germanistin und Musikpädagogin, freiberufliche Lektorin und Korrektorin – mit anderen Worten: heimatverbundene, musikbegeisterte, kreative, tierliebe und vor allem komplett italienverrückte Leseratte.