Beiträge

Der schöne Schnee und seine Gefahren

Die Schlierseer Berge sind weiß und die Temperaturen nachts um den Gefrierpunkt. Auch wenn es im Ort tagsüber sonnig und warm ist, kann es am Berg bereits eisig und sehr winterlich sein. Viele freuen sich auf den Winter, aufs Skifahren, Schlittenfahren, Langlaufen, auf Skitouren und Glühwein.

Der Schnee birgt indes auch Gefahren, die nicht unterschätzt werden sollten. Jeder, der im Winter im Gelände unterwegs ist, sollte sich mit dem Thema Lawine auseinandersetzen.

 

 

Michael Stadler ist nach Walter Alkofer neuer Obmann der Lawinenkommission Schliersee.

Im Winter begutachtet er mit seinem Team ab sofort im Spitzingseegebiet die Lawinengefahr und ist neben dem Lawinenwarndienst in Bayern ein wichtiger Mann für unsere Gemeinde mit ihrer winterlichen Berglandschaft.

Bayernweit gibt es 33 Lawinenkommissionen mit etwa 350 ehrenamtlich tätigen Personen. Die Lawinenkommissionen beurteilen die aktuelle Wetter-, Schneedecken- und Lawinensituation und leiten daraus entsprechende Empfehlungen für Lawinensicherungsmaßnahmen wie Sperrungen von Straßen und Skiabfahrten oder künstliche Lawinenauslösungen – Lawinensprengungen ‒ ab.

Michaels Saison beginnt mit dem ersten Schneefall, den wir bereits hatten. Er empfiehlt: „Wer im Winter im Gelände unterwegs ist, für den ist die Tourenplanung entscheidend und eine Schutzausrüstung unabdingbar.“

 

Wie viele werden aus einer Lawine gerettet?

Die Überlebenschancen von ganz verschütteten Personen sind zwar in den letzten Jahren gestiegen, jedoch sterben immer noch zu viele. Dabei sind die ersten 15 Minuten entscheidend, danach sinken die Überlebenschancen rapide auf nur noch 30 %. Eine Lawinenausrüstung kann im Notfall helfen. Sie besteht aus Schaufel, Sonde und einem LVS-Gerät (Lawinenverschütteten-Suchgerät).

Wer also das Naturvergnügen bei uns in Schliersee genießen und sicher unterwegs sein möchte, checkt am besten, bevor er startet, die aktuelle Lawinenlage mithilfe des Lawinenlageberichts (der die verarbeiteten Informationen der Lawinenkommissionen nutzt) und informiert sich über das tagesaktuelle Risiko. Hier sind online auch Schneehöhen zu finden und andere interessante Messdaten.

www.lawinenwarndienst-bayern.de

Noch sinnvoller ist es, einen Lawinenkurs zu absolvieren und sich tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die Basics der Lawinenrettung lernt man zum Beispiel bei Alexander Römer, er ist Ranger in Schliersee und bietet mit seinem Unternehmen „Lawinencamp Bayern“ regelmäßig Kurse an. Mehr Infos dazu hier: Lawinencamp Bayern – Lawinenkurs buchen (lawinenkurse.de).

Auch der DAV veranstaltet immer wieder Kurse zur Lawinensicherheit.

 

 

 

 

Susanne Viehweger

Dipl. Sportwissenschaftlerin & Outdoor Enthusiast. Arbeitet als Community Managerin & Outdoorguide. Mit ihrem eigenen Unternehmen 'Happy Moving Outdoors' (www.happymovingoutdoors.de) vermittelt sie Leidenschaft für den Sport an der frischen Luft.

 

 

 

Walter Alkofer – fast 5 Jahrzehnte Einsatz für die Lawinenkommission Schliersee

Oft hatte ich zuvor seinen Namen gehört oder gelesen, heute darf ich ihn endlich persönlich kennenlernen: Walter Alkofer, der 74-jährige Schlierseer, sitzt neben mir am Tisch und erzählt von seinem erlebnisreichen Leben und seiner langjährigen Tätigkeit als ehrenamtlicher Leiter der Lawinenkommission Schliersee. Walter Alkofer erklärt mir zunächst die Aufgaben der Lawinenkommission. Sie sei ein ortskundiges und besonders bergerfahrenes Expertenteam, welches den jeweiligen bayerischen Gemeinden und Landratsämtern in Bezug auf Sicherung der lokalen Verkehrswege vor Lawinenabgängen beratend zur Seite steht und ggf. Sperrungen von Straßen und sonstigen öffentlichen Verkehrswegen empfiehlt. Hört sich sehr interessant an.

Als gebürtiger Niederbayer kommt er als junger Polizeibeamter in den Landkreis Miesbach und wird wenig später „Sachbearbeiter und Beauftragter für gebietsbezogene Bergunfälle“. Als Ehemann und Vater von drei Söhnen und mit erheblich eingeschränkter Freizeit für seine Bergleidenschaft wirkt er 23 Jahre als Verkehrserzieher für Kinder und Jugendliche im Landkreis. Nicht selten untersucht er – oftmals sogar in seiner Freizeit ‒ Schulwege auf ihre Verkehrssicherheit, gibt den Kommunen Empfehlungen zur Verbesserung derselben und veranstaltet auch entsprechende Fortbildungen für Erwachsene.

Bei einem Motorradausflug zum Spitzingsee kommt er im August 1969 nach dem Absturz eines jungen Bergwanderers an der Brecherspitz durch Zufall als Erster zum Unfallopfer. Spontan, ohne angemessenes Schuhwerk und sonstige Bergausrüstung leistet er im sehr steilen Absturzgelände des Brechspitzkars erste Hilfe und benachrichtigt umgehend die Schlierseer Bergwacht, die wenig später nur noch eine Totenbergung durchführen kann. Die Schlierseer Bergretter überreden Walter, Mitglied in ihrer Bergwachtbereitschaft zu werden. Ein Jahr später gehört er zur Lawinenkommission Schliersee, die bereits 1966, also drei Jahre zuvor, gegründet wurde ‒ sicherlich als Folge der furchtbaren Lawinenkatastrophe im Mai 1965 am Schneefernerhaus unterhalb der Zugspitze, bei der damals zehn Menschen starben und 21 unter meterhohen Schneemassen schwer verletzt wurden. Im Jahr 1967 wird in München der Lawinenwarndienst Bayern gegründet, der bis zum heutigen Tag während der Wintersaison täglich sehr detaillierte Informationen über die aktuelle Lawinensituation veröffentlicht (http://www.lawinenwarndienst-bayern.de).

Walter Alkofer wirkt jetzt etwas nachdenklich; er erzählt mir von Problemen, die verordnete Straßensperrungen aufgrund akuter Lawinengefahr nach sich ziehen. Im Besonderen sind hier die Sperrungen der Spitzingstraße zu erwähnen. Auf die Menschen und speziell die Gastronomie des Schlierseer Ortsteils Spitzingsee stießen sie damals auf gar kein oder nur sehr wenig Verständnis. So muss Alkofer nicht selten auch vor seiner Ernennung zum Obmann der Lawinenkommission Schliersee ‒ quasi vertretend für andere ‒ gegenüber der Marktgemeinde diese ziemlich unbeliebte Empfehlung aussprechen, die ihm oft viel Kritik, Ablehnung oder gar Anfeindungen einbringt. Alkofer: „Straßensperrungen sind bis zum heutigen Tag sehr unpopulär und daher problematisch.“ Anfang der 1980er-Jahre kommt endlich die angeforderte stabile Schrankensicherung zur Spitzingstraße, die erhebliche Proteste der Anwohner im Ortsteil Spitzingsee nach sich zieht.

Während der vielen Jahre als Obmann der Kommission wird die Sicherung der Verkehrswege kontinuierlich verbessert. Mittlerweile verfügt die Straße hinauf zum Spitzingsee über mehrere Sprengvorrichtungen, die als die modernsten Lawinensprenganlagen Bayerns gelten. In manchen speziellen Veröffentlichungen werden sie sogar als die fortschrittlichsten Europas bezeichnet, sodass lawinenbedingte Sperrungen dieser Straße in aller Regel der Vergangenheit angehören. Neben der regelmäßigen Beobachtung der Schnee- und Wettersituation, neben Geländebegehungen, dem Graben von Schneeprofilen zur Überprüfung des Schneedeckenaufbaus und sonstigen notwendigen Arbeiten draußen gibt Walter Alkofer auch Lawinenkurse in Theorie und Praxis. Sein Arbeitsgebiet ist ziemlich groß: Neben der erwähnten Spitzingstraße liegen neben weiteren Verkehrswegen wie z. B. der Trautweinweg hinauf zur Oberen Firstalm und auch die Straße entlang der Valepp bis zur Gemeindegrenze Rottach-Egern sowie das gesamte Schlierseer Pistengebiet einschließlich Roßkopf und Grünseeabfahrt in der Zuständigkeit der Lawinenkommission Schliersee.

Seine langjährigen Erfahrungen in den Bereichen „Lawinenschutz und Schutzwaldsanierungsmaßnahmen“ vermittelt er gelegentlich auch an Geografiestudenten für ihre bevorstehenden Studienabschlüsse. Fast ein wenig stolz erklärt er, dass die Münchner Zentrale des Lawinenwarndienstes für Versuche und Tests von innovativen Verbesserungen ihn bzw. seine winterlichen Schlierseer Berge bevorzugt. Auch für die Gäste-Information Schliersee ist er einige Jahre bis zum Herbst 2010 als Wanderführer im Einsatz.

Mit etwas Wehmut beobachtet er gegenwärtig nicht nur den extremen Skitourenboom und die Entwicklung des winterlichen Tourengehens allgemein, sondern auch das Verhalten der dazugehörigen Protagonisten. „Mir scheint, als sei der notwendige Respekt vor den Gefahren der winterlichen Natur den Menschen ein wenig verloren gegangen. Sie schalten Pulsuhr und GPS ein, danach den Ohrhörer ihres Handys, und dann geht‘s schnellstmöglich in Richtung Gipfel.“ Alkofer weiter: „Auch in unserer dreizehnköpfigen Lawinenkommission Schliersee wird es allmählich etwas schwieriger. Nur noch wenige haben bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit genügend Zeit und auch die Fitness, regelmäßig zum Check ins Gelände zu gehen. Eigentlich ist dieses Ehrenamt nur für rüstige Rentner/Pensionäre oder Angestellte/Beamte des öffentlichen Dienstes geeignet.“

Kurz vor Weihnachten, im Dezember 2011, erhält Walter Alkofer als Leiter der Lawinenkommission Schliersee im Innenministerium der Bayerischen Staatskanzlei das „Bundesverdienstkreuz am Bande“ – eine besondere Auszeichnung des Bundespräsidenten. Ich denke, der Schlierseer Walter Alkofer hat sich diese großartige Auszeichnung ganz besonders verdient!

 

Eckehard Radehose

Eckehard Radehose In Schliersee zuhause, extrem berg- und reisesüchtig seit seinem 6. Lebensjahr. Dipl. Kartograph, Journalist und langjähriger Trekking- und Expeditionsleiter mit Vorliebe für besonders hohe Gipfelziele. An die 2.500 Gipfelbesteigungen weltweit und weit über 1.000 Skitouren. Mein bevorzugter Ort: Gipfel der Baumgartenschneid bei Sonnenuntergang mit einem Glas Rotwein.