Schneefeld-Vorsorgesprengarbeiten an der Spitzingstraße ‒ ich durfte dabei sein …

Am 12. Februar 2018 fand in diesem Winter die fünfte Schneefeld-Vorsorgesprengung im Zuständigkeitsbereich der Lawinenkommission Schliersee statt.

Um kurz vor 18:00 Uhr habe ich die Zusage erhalten, dass ich an der Vorsorgesprengung als „stiller“ Zuschauer teilnehmen und auch ein paar Fotos machen dürfe. Um kurz nach halb sieben sollte ich mich an dem vereinbarten Treffpunkt einfinden. Das hieß für mich, schnell nach Hause zu fahren, mich warm einzupacken, die Kamera zu schultern, und dann ging’s los. Wie aufregend! Ich hatte gar nicht damit gerechnet, wirklich dabei sein zu dürfen.

Mein Ansprechpartner ist Walter Alkofer, der langjährige ehrenamtliche Leiter der Lawinenkommission Schliersee. In drei Jahren ist er seit 50 Jahren mit dabei, erzählt mir der rüstige 75-Jährige. Er ist immer noch mehrfach in der Woche in unseren Bergen unterwegs, um die Schneedecke zu analysieren und Lageberichte nach München an den Lawinenwarndienst zu melden. 2011 wurde seine Leistung ausgezeichnet, indem er das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekam.

„Eine Lawinenkommission ist ein Beratungsgremium für die Sicherheitsbehörde (Gemeinde, Landratsamt). Sie besteht aus ortskundigen und bergerfahrenen Fachleuten, die bei Bedarf zusammentreten, um die aktuelle Wetter-, Schneedecken- und Lawinensituation zu beurteilen und daraus entsprechende Empfehlungen für Lawinensicherungsmaßnahmen (z. B. Sperrungen von Straßen und Skiabfahrten oder künstliche Lawinenauslösungen) abzuleiten. Auch die Aufhebung von Sperrungen wegen Lawinengefahr beruht auf einer Lagebeurteilung durch die örtliche Lawinenkommission.“

https://www.lawinenwarndienst-bayern.de/organisation/lawinenkommissionen/

Die Lawinenkommission Schliersee hat insgesamt 13 Mitglieder, davon zwei Sprengberechtigte. Aufgabe ist es, den öffentlichen Straßenbereich sowie den gesicherten Pistenbereich und den gesicherten Skiraum (bis zwei Meter Entfernung von der Piste) vor Lawinen zu schützen.

Sicherheitsrechtliche Anordnungen, wie z. B. Sperrungen, werden von der Gemeinde veranlasst.

Der Sprengberechtigte wiederum trägt die Verantwortung im Sinne von § 19 Sprengstoffgesetz (SprengG). Er muss sich einen Überblick darüber verschaffen, was genau gesprengt werden soll, die notwendige Menge an Sprengstoff berechnen und den Ablauf der Arbeiten überwachen. Außerdem muss er sich um die Sicherheit kümmern für Sprenghelfer und alle sonstigen Personen, die mit der Verarbeitung oder Herstellung von explosionsgefährlichen Sprengmitteln zu tun haben und damit umgehen.

 

Gesprengt wird heute mithilfe der Lawinensprengbahn, die wie ein Skilift funktioniert und in der Schweiz gebaut wurde. Als Sprengstoff wird LADIN verwendet. LADIN ist ein speziell für Anforderungen von Schneefeldsprengungen entwickelter Sprengstoff. LADIN enthält neben Ammoniumnitrit nur pflanzliche Bestandteile und einen geringen Anteil von Mineralöl. Der sogenannte Ladungsabwerfer kann vier Sprengladungen à 4,5 kg tragen. Die Sprengungen werden mechanisch über ein Funkgerät ausgelöst.

Heute ist es besonders spannend, weil Andreas Lechner im Rahmen seiner Ausbildung zum Sprengberechtigten im Auftrag des Marktes Schliersee zum ersten Mal die Sprengladungen vorbereitet, mithilfe von Manfred Eckmair anbringt und schließlich auch per Funk die Sprengung auslöst. Die beiden Sprengberechtigten  Herr Eckmair und Herr Harald Gräbner erläutern ihm jeden Handgriff ausführlich, und er arbeitet äußerst konzentriert. Ich bin fasziniert von der Ruhe, welche die drei Männer ausstrahlen. Besonders bei der Anbringung der Sprengzünder an die Pulverzündschnur ist Vorsicht angebracht. Alle nicht direkt Beteiligten müssen einen Sicherheitsabstand von mindestens fünf Metern einhalten. Da wird‘s mir direkt ein bisschen mulmig ‒ und mir wird der Ernst der Situation bewusst!

Nachdem die Zünder angebracht und die Sprengladungen bereit sind, werden sie am Ladungsabwerfer befestigt.

Und dann geht‘s auch schon los: Der Ladungsabwerfer fährt mit den vier Sprengladungen in die dunkle Nacht hinaus. Wir gehen auf die Straße hinunter und sind zwischen 500 und 800 Meter vom jeweiligen Gefahrenbereich der vier Sprengungen entfernt. Nachdem die Halteleine des ersten Sprengsatzes mechanisch gelöst wird, fällt der Sprengsatz an der Zündleine herunter. Wichtig ist, dass er drei bis fünf Meter über dem Schneebrett detoniert, das dann durch die Druckwelle gelöst wird.

Herr Gräbner schaut auf die Uhr, und nach etwa 2,5 Minuten sieht man den Lichtblitz der gezündeten Sprengladung. Erst ein paar Sekunden später ist die Detonation zu hören. Bei der vierten Sprengung sieht man den gezackten Kamm des Hagenberges für einen Sekundenbruchteil im schwarzen Nachthimmel aufleuchten.

Und dann ist die Sprengung auch schon vorbei. Nun wird noch die Spitzingstraße abgefahren, ob irgendwo Teile der ausgelösten Lawinen die Straße versperren. Das ist heute Abend jedoch nicht der Fall.

 

Was für ein spannendes Spektakel abseits von öffentlichen Zuschauern! Eine tolle Leistung unserer Lawinenkommission Schliersee und der Sprengberechtigten! Hut ab vor diesen ehrenamtlichen Helfern ‒ fernab von jedem Medienrummel!

Große Unterstützung beim Verfassen des Artikels habe ich von Herrn Eckmair erhalten. Er ist seit 33 Jahren Sprengberechtigter bei der Gemeinde Schliersee, hat unzählige Lawinensprengungen im Spitzingseegebiet betreut, auch aus Hubschraubern, und gehört seit 37 Jahren der Lawinenkommission Schliersee an. Als stellvertretender Obmann hat er im Juni 2013 das Ehrenzeichen des Bayerischen Ministerpräsidenten für Verdienste als Sprengmeister und die Tätigkeiten im Lawinenwarndienst erhalten.

 

 

Mit so vielen Mitgliedern der Lawinenkommission Schliersee, die bereits für ihre Leistungen höchste Auszeichnungen erhalten haben, dürfen Sie sich im hiesigen Zuständigkeitsgebiet in sicheren Händen fühlen!

 

https://www.lawinenwarndienst-bayern.de/

 

 

Ulrike Mc Carthy Ulrike Mc Carthy

Geborene Münchnerin und seit vielen Jahren begeisterte „Wahl-Schlierseerin“ Personaldiagnostikerin, Trainerin, Seminarleiterin, Hypno- und Gesprächstherapeutin, Hofbetreuerin im altbayerischen Dorf und vor allem Hobby-Fotografin.